Ausgabe 03/17

Lesen Sie in der aktuellen Printausgabe unseres Fachmagazins über Möglichkeiten, die Mundgesundheit von Senioren zu verbessern und verschaffen Sie sich einen Überblick zu den Mythen und Fakten der häuslichen Mundhygiene.
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Ausgabe 03/17

 

Konzepte zur Verbesserung der Mundgesundheit von Senioren in Pflegeheimen – ein Update

Autoren: Andreas Zenthöfer / Alexander J. Hassel / Peter Rammelsberg

 

Quintessenz für das Praxisteam

Professionelle Zahnreinigungen in Kombination mit individueller Motivierung und Instruktion zur Mundpflege eignen sich zur kurz- und mittelfristigen Verbesserung der Mundgesundheit pflegebedürftiger Senioren. Zahnmedizinische Schulungen des Pflegepersonals können die Mundgesundheit stärker pflegebedürftiger Senioren über einen klinisch relevanten Zeitraum verbessern. Die Implementierung von Ultraschallbädern zur Prothesenreinigung ist ein einfaches und effektives Mittel zur Verbesserung der Prothesenhygiene in Pflegeheimen.

Zusammenfassung

Der vorliegende Artikel gibt einen aktuellen Überblick über die verfügbare Datenlage zur Mundgesundheit pflegebedürftiger Senioren und entsprechende Konzepte zur Verbesserung der Mundgesundheit.

Die Mundhygiene und damit längerfristig auch die Mundgesundheit von Senioren in Pflegeheimen – insbesondere bei Demenz – ist oftmals eingeschränkt. Dies hat einerseits negativen Einfluss auf die Kaufunktion und damit die Ernährung, andererseits bestehen Wechselwirkungen mit Allgemeinerkrankungen(Pneumonie, kardio-vaskuläre Erkrankungen, Diabetes). Da die Inanspruchnahme zahnmedizinischer Leistungen vieler pflegebedürftiger Senioren aufgrund von Immobilität, finanzieller Restriktionen oder Bedeutungsverlust der Mundgesundheit mit zunehmendem Alter abnimmt, gewinnen zahnärztliche Haus und Heimbesuche an Relevanz.

Zudem wurden in letzter Zeit einige praxistaugliche Interventionskonzepte zur Verbesserung der Mundgesundheit dieser Gesellschaftsgruppe hinsichtlich ihrer Wirksamkeit überprüft. Hauptsächlich wurde der Effekt von professionellen Zahnreinigungen oder Schulungen von Pflegemitarbeitern auf die Mundgesundheit der pflegebedürftigen Senioren untersucht. Da in dieser Population herausnehmbarer Zahnersatz häufig ist, wurde zudem versucht, die Prothesenhygiene mittels manueller, chemischer und/oder physikalischer Reinigungsverfahren zu verbessern.

Insgesamt wurden professionelle Zahnreinigungen eher bei leichter pflegebedürftigen Senioren und in Kombination mit individueller Motivierung und Instruktion zur Mundpflege durchgeführt. Auf Grundlage der vorliegenden Ergebnisse kann kurz- bis mittelfristig mit einer dentalen Plaquereduktion von bis zu 60 % gerechnet werden. Auch Personalschulungen können als effektiv bewertet werden. Hier liegt das Verbesserungspotenzial der meist stärker pflegebedürftigen Senioren auch längerfristig gesehen zwischen 15 und 25 %.

Zudem scheinen Personalschulungen auch einen positiven Effekt auf die Prothesenhygiene zu haben. Die Implementierung von Ultraschallbädern in Pflegeheimen scheint allerdings die effektivste Maßnahme zur Verbesserung der Prothesenhygiene zu sein. Viele der Interventionskonzepte sind einfach und kostengünstig realisierbar und sollten daher flächendeckend in den Pflegealltag integriert werden. Allerdings sind weitere Studien mit längeren Beobachtungszeiträumen und größeren Stichprobenumfängen als bei bisher verfügbaren Studien erforderlich, um die Erkenntnisse auf einem noch höheren wissenschaftlichen Niveau abzusichern.

Summary

This article gives an update on data of oral health in care dependent older People and presents respective options to improve their oral health conditions. Oral Hygiene and therefore, long-term oral health of older people in nursing homes – primarily of those suffering from dementia – frequently deteriorates. This impacts chewing function (nutrition) but also inter-correlates with systemic diseases (pneumonia, cardiovascular diseases, diabetes).Dental (nursing) home visits become relevant with aging due to a decrease in utilization of dental services because of older people’s immobility, oral neglect or financial restrictions. Nowadays, practicable interventions for improvement of oral health in this community have been tested for effectiveness. The main interventions are professional tooth cleaning or dental education of nursing staff. Moreover, attempts to improve denture hygiene (manual, chemical, physical denture cleaning) have been evaluated since older people in nursing homes frequently wear removable dentures.

As professional tooth cleaning combined with individual instruction and Motivation for oral care was rather tested in more or less independent older people, education for nursing staff was used in more dependent communities. Professional tooth cleaning results in reductions of dental plaque accumulation short- and mid-term up to 60%. The improvements of dental hygiene due to implementation of education for nursing staff range between 15 and 25%. Besides positive effects of these education programs on denture hygiene, especially the implementation of ultrasound baths seems to be an adequate measure in improving denture hygiene.

Many of these concepts can be easily and cost-effectively implemented in daily care routine. One should keep in mind thatfurther research with longer observation periods and larger samples is desirable to confirm the results on a high level of evidence.

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Mythen und Fakten der häuslichen Mundhygiene

Autor: Stefan Zimmer

 

Quintessenz für das Praxisteam

Einige althergebrachte Empfehlungen für die häusliche Mundhygiene sind wissenschaftlich nicht abgesichert und bedürfen einer Revision. Dies betrifft die Eigenschaften einer Handzahnbürste ebenso wie die Putztechnik und Zahnputzdauer. Der Artikel stellt diesen Empfehlungen neue wissenschaftliche Erkenntnisse gegenüber und formuliert Konsequenzen für die Praxis der Mundhygiene.

Zusammenfassung

In Deutschland hat sich die Mundgesundheit in Bezug auf Karies in den letzten Jahren in allen Altersgruppen beträchtlich verbessert. Allerdings gibt es nur wenig Evidenz, dass die Qualität der Mundhygiene zu dieser Verbesserung beigetragen hat. Dies wirft die Frage auf, inwieweit die üblicherweise empfohlenen Techniken und Hilfsmittel für die häusliche Mundhygiene geeignet sind. Das klassische Design einer Handzahnbürste mit kurzem Kopf und flach geschnittener Vielbüschel-Bürste mit parallelen Borsten kann nicht als adäquat angesehen werden.

Neuere Studien zeigen, dass ein größerer Bürstenkopf möglicherweise effizienter in der Entfernung von Plaque ist und dass Bürsten mit einem Wechsel von kürzeren und längeren Borsten, die außerdem weniger dicht gepackt sind, effektiver in Fissuren, Zahnzwischenräumen und am gingivalen Sulkus reinigen als Vielbüschel-Bürsten mit flach geschnittenem Borstenfeld. Zahnbürsten mit harten Borsten entfernen signifikant mehr Plaque als Bürsten mit weichen Borsten. Die harten Borsten verursachen zwar mehr Verletzungen am Weichgewebe, dafür aber weniger Dentin-Abrasion als Zahnbürsten mit weichen Borsten. Beim Vorliegen zervikaler Putzdefekte ist die Benutzung einer Zahnpasta mit niedriger Abrasivität wichtig. Wissenschaftliche Evidenz für die Effektivität der Bass-Technik unter Feldbedingungen ist kaum vorhanden. Zwar ist die Bass-Technik die weltweit am häufigsten empfohlene Technik, ihre korrekte Anwendung über einen längeren Zeitraum gelingt jedoch nur selten.

Alternativ könnte die Fegetechnik nach Stillman empfohlen werden. Es gibt keine Evidenz für eine Zahnputzdauer von zwei oder drei Minuten. Deshalb ist für die optimale Plaqueentfernung eine individuell ermittelte Zahnputzdauer zu empfehlen. Hierzu kann nach Anwendung von Plaque-Färbetabletten die Putzdauer mit einer Stoppuhr gemessen werden.

Summary

In Germany, oral health has considerably improved with respect to caries in all age groups during the past years. However, there is little evidence that oral hygiene has remarkably contributed to this caries decline. This brings up the question whether techniques and means usually recommended for daily oral hygiene are appropriate.

The classic design of a manual toothbrush with short head, flat profile and multitufted parallel bristles cannot be regarded to be adequate. Recent studies indicate that a larger brush head might be more efficient in plaque removal and that brushes with an arrangement of longer and shorter bristles which are packed less dense are more effective in fissures, interdental spaces, and the gingival sulcus as compared to multitufted flat trimmed brushes. Toothbrushes with hard bristle stiffness remove plaque significantly more effective than brushes with soft bristles. They cause more soft tissue trauma but less dentine abrasion than brushes with soft bristle stiffness. When cervical brushing defects are present, a low toothpaste abrasivity is crucial. Scientific evidence for the effectivity of the Bass brushing technique under filed conditions is low.

Bass technique is the most frequently recommended technique worldwide, but the correct implementation in daily oral hygiene rarely succeeds over a longer period. Alternatively the Stillman sweeping technique might be recommended. There is no evidence for a toothbrushing duration of two or three minutes. Therefore, it is recommended to determine an individual brushing duration. Plaque disclosing tablets can be used and the time needed to remove the stained plaque can be determined using a stopwatch.

Abo-Team

Titelfoto: kurhan / shutterstock.com